Veretski Pass wurde 2001 von Cookie Segelstein (Geige), Joshua Horowitz (Knopfakkordeon und Tsimbl) und Stuart Brotman (Cello, Baraban und Flöte) gegründet. Segelsteins Eltern stammen aus der Region rund um den Veretski Pass, die im Laufe der Geschichte erst zu Österreich-Ungarn, dann zur Tschechoslowakei gehörte und heute ein Teil der Ukraine ist. Sie wuchs mit traditioneller Musik dieser Region auf, spielte Lieder auf der Geige nach, die ihre Eltern ihr vorsangen.
Joshua Horowitz (auch bekannt als Leiter der Gruppe Budowitz) wiederum begann sich mit jüdischer Musik zu beschäftigen, während er in Graz Musiktheorie und Komposition studierte. Er unternahm Feldforschungen nach Osteuropa, um die Musik bei noch lebenden Musikern aufzunehmen und zu dokumentieren. Das Knopfakkordeon, das Horowitz spielt, wurde 1889 gebaut wurde und ist somit für ein Akkordeon sehr alt. Genau genommen handelt es sich auch um eine Schrammelharmonika, dem Vorläufer des russischen Bayans.
Stuart Brotman (Mitglied der Gruppe Brave Old World) beschäftigt sich schon seit seiner Jugend mit verschiedenen osteuropäischen Volksmusiktraditionen. Sein Hauptinstrument bei Veretski Pass ist ein Cello, welches von ihm von der Stimmung aber etwas modifiziert wurde, um es als Bassinstrument verwenden zu können. Charakteristisch für die Region wurde es mit einem Gurt versehen und kann somit auch umgeschnallt und stehend gespielt werden.
Die Musik von Veretski Pass entsteht in einem Prozess. Jedes Ensemblemitglied bringt Stücke oder Melodien ein, welche ihm besonders am Herzen liegen. Oft sind es nur Teile von Stücken oder Melodien, die sehr eingängig sind und an denen die Musiker Gefallen finden. Darauf aufbauend werden in der Gruppe Arrangements erarbeitet, um die Melodien entsprechend zur Geltung bringen. Dabei werden Melodien mit anderen verbunden oder Teile von Stücken in einem anderen Tempo oder Rhythmus gespielt. Es werden aber auch Stücke selbst in einem bestimmten traditionellen Stil komponiert.
Inwieweit aber ist diese Musik jüdisch? Der jüdische Teil der Musik lässt sich laut Segelstein nicht genau beschreiben, ist aber vorhanden. Juden haben sich in einem verschieden großen Ausmaß in ihrer Umgebung integriet und ein Teil dieses Prozesses geschah über Musik. Die Musik von Veretski Pass spiegelt die Erfahrung, die Vorlieben und das Wissen ihrer Mitglieder wider. Jede Musikrichtung ist beeinflußt von anderen, ergänzt Horowitz. Das Mischen mehrerer Richtungen ist bis zu einem gewissen Grad möglich, nicht immer sei das Ergebnis ansprechend.
Das Mischen verschiedener Stile aber war schon immer vorhanden. Wenn man beispielsweise zurückgeht in das Jahr 1880, gab es auch damals jüdische Musik, die Einflüsse der ruthenischen, ukrainischen, polnischen, galizischen und bessarabischen Musik aufnahm. Auch die synagogale Musik hat ihren Einfluß in der Musik. Wird heute Klezmer mit anderen Stilen gemischt, beispielsweise HipHop oder Ska, so spielt Veretski Pass eine Mischung von Klezmer mit anderen Stilen aus dem Jahr 1880.
Geht dieser alte Stil verloren? Zu einem gewissen Teil, meint Horowitz. Doch Musik von heute sei immer eine Mischung aus alter Musik und neuer Musik und solange Musik gespielt wird, gehe sie nicht verloren. Durch den Holocaust aber kann man heute nicht mehr nachvollziehen, ob die Musik, die heute als traditionelle jüdische Volksmusik bezeichnet wird, auch tatsächlich so geklungen hat, ergänzt Segelstein. Es fehlen die Musiker, die die Musik von ihren Eltern und deren Eltern gelernt hätten. Segelstein erzählt von einem Erlebnis, das sie nach dem Besuch ihres ersten Klezmer-Workshops hatte. Nachdem sie Musik, die sie dort gelernt hatte ihren Eltern vorspielte, bemerkten diese, dass sie mit dieser Musik niemals in Nishnije Veretski, dem Heimatdorf der Eltern, ein Engagement bekommen hätte. Das Wiedererschaffen einer alten Tradition sei schwierig, so Segelstein weiter, denn die Quellenlage ist weniger stark ausgeprägt als beispielsweise bei westlicher Kunstmusik. Man müsse sich verlassen auf die heutige Aufführungspraxis traditioneller Musik in Osteuropa und hoffen, dass diese Aufführungspraxis nicht zu stark von einer damals vorherrschenden Praxis abweicht, so Brotman.
Den meisten Menschen wird es wohl relativ gleichgültig sein, ob die Aufführungspraxis nun historisch ist oder nicht, denn nachprüfen kann man es so und anders nicht. Was zählt ist, wie die Musik den Hörern heute gefällt. Den Musikern von Veretski Pass gefällt sie ganz bestimmt.
Diskografie:
Veretski Pass, Golden Horn Records, GHP020
Veretski Pass - Trafik, Golden Horn Records, GHP032
Artikel vom Feb. 2008