Das Duo nu besteht aus Franka Lampe (Akkordeon) und Georg Brinkmann (Klarinette, Gesang). Vor kurzem erschien die erste gemeinsame CD unter dem schlichten Namen "nu 3". Alternativ hätte sie auch "a hering hot gelakht" heißen können, denn dies ist der Titel ihres aktuellen Programmes, dessen Mitschnitt auf der CD zu hören ist. Aus Anlass des Erscheinens der neuen Platte entstand das folgende Interview:
Was gab den Ausschlag, eine Live-CD zu machen anstatt einer Studio-CD? Wären auf einer Studio-CD andere Titel zu hören, die man auf Konzerten eher nicht spielt? Ich denke da besonders an Genres wie Doinas, Nigunim oder Kale Bazetsn.
Georg Brinkmann: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir durch die Live-Atmosphäre eines Konzertes anders spielen als in einem Studio. Man achtet im Studio beinahe reflexhaft mehr auf Perfektion, während wir uns live mehr erlauben, spontanen Ideen zu folgen, flexibel mit dem Tempo umzugehen, mal was nicht Vereinbartes zu wagen. Das sind Aspekte, von denen gerade Klezmermusik sehr lebt und das war uns wichtig. Ich persönlich hatte noch nie eine Live-CD gemacht und war auch neugierig. Als wir dann die Möglichkeit bekamen, an zwei Abenden hintereinander auf derselben Bühne zu stehen und dadurch eventuelle gröbere Fehler wieder ausgleichen zu können, war die Entscheidung schon klar. Sehr angenehm ist auch, dass man Zeit und Geld spart - man kann einfach nur zwei mal aufnehmen.
Welche Stücke auf die CD kommen, hängt weniger von den Genres ab. Es sind mehr Entscheidungen, dass manche Aufnahmen mit etwas zeitlichem Abstand uns nicht so gut gefallen oder sich nicht gut in die Gesamtabfolge fügen. Das kann bei Studioaufnahmen wie bei Live-Aufnahmen der Fall sein. Es gab auch ein Lied, bei dem wir gemerkt haben, dass es die Live-Präsenz braucht und als reine Audio-Aufnahme nicht mehr funktionierte.
Interessanterweise haben wir bei der CD eine ganz andere Reihenfolge gewählt als live, da der Bogen einer CD ein anderer ist als der eines Konzertes.
Franka Lampe: Es war eine Frage des Geldes. Zwei Konzertmitschnitte sind billiger als eine Woche Studio. Aber zusätzlich wollten wir unser aktuelles Konzert inklusive Stimmung so getreu wie möglich abbilden. In einem Studio wäre also kein neues Material dazugekommen (vermute ich mal (aber man kann nie wissen (wahrscheinlich hätten wir irgendwann doch die Gelegenheit genutzt und was probiert))).
Beide sprecht Ihr die Stimmung während eines Konzertes an. Wie äußert sich diese denn beim Publikum und wie überträgt sie sich auf die Künstler auf der Bühne? Das bei Euren Konzerten getanzt wird, nehme ich an. Aber was macht man, wenn das Publikum selbst bei ausgelassenen Bulgars und Freylekhs still sitzen bleibt? Kommt da der Gedanke auf "Euch kriegen wir auch noch"?
Georg Brinkmann: Das bei unseren Konzerten getanzt wird, ist selten. Mehr als selten. Die Leute sagen aber oft, sie hätten gern getanzt, sich aber geniert oder sie wüssten nicht, wie. Tatsächlich bleiben die Leute eher ruhig sitzen, lassen die Füße wippen oder klatschen ab und zu mal mit. Einzelne sieht man sich versonnen bewegen oder wiegen, das ist sehr schön. Ob die Leute dabei sind oder nicht, fühlt man. Man merkt es natürlich am Applaus, aber auch an der Art der Stille. Wenn man ein sehr aufmerksam zuhörendes Publikum hat, wirkt sich das auf die eigene Konzentration deutlich aus - man ist mehr dabei, versucht, das Stück verständlich zu machen, achtet sehr genau auf Feinheiten und Verzierungen. Wenn wir auf einer Tanzveranstaltung spielen, steht das Rhythmische mehr im Vordergrund. Verzierungen oder Fill in's entstehen dann mehr aus dem Aspekt heraus, die Leute in Bewegung zu bringen. Das ist ein großer Unterschied, der noch deutlicher wird, wenn es um die Studioproduktion einer CD geht.
Der Gedanke "Euch kriegen wir auch noch" ist mir nicht fremd - aber unangenehm. Meistens wird es verkrampft, wenn man versucht, die Leute mitzureißen. Für mich ist ein Konzert eine Gemeinschaftsaktion aller Anwesenden. Wenn man sich gemeinsam auf die Musik und das spontane Geschehen einlässt, kann ein Konzert einmalig sein. Wenn die Zuschauer erst mal abwarten, was die Künstler so bieten und wenn die Künstler etwas Bestimmtes vom Publikum wollen, zerstört es meiner Meinung nach eher das, was von selbst entstehen kann. Im Idealfall trifft man sich in der Musik und der gemeinsamen Leidenschaft dafür und erschafft gemeinsam eine vom Alltag abgehobene Welt. Alain de Botton hat sehr schön gesagt, "dass wir nicht eigentlich sprechen können, bis jemand da ist, der versteht, was wir sagen". Genau so können wir Musiker nicht eigentlich musizieren, bevor jemand das versteht, was wir spielen.
Für mich geht es darum, sehr offen in ein Konzert zu gehen (ob als Musiker oder Zuhörer) und gemeinsam eine Atmosphäre zu schaffen, die es allen ermöglicht, sich auf das einzulassen, was die Musik will.
Franka Lampe: Normalerweise tanzt man bei unseren Konzerten nicht. Meist ist der Rahmen nicht geeignet (Konzertbestuhlung etc.). Aber zum Tanzen zu spielen ist, wie ich finde, noch einmal eine besondere Herausforderung. Die Grooves müssen stimmen, die Tempowechsel müssen stimmen, der ganze Spannungsbogen ist anders.
Selbst wenn ich in einem Konzertprogramm gut groove, genieße ich doch die musikalische Freiheit, genau das in der nächsten Sekunde nicht zu tun. Aber davon abgesehen, ich spüre sehr genau, was im Publikum vor sich geht. Und in verschiedenen Regionen reagieren die Leute ganz anders. Von ausgelassenen Zwischenrufen bis zu eiserner Reserviertheit (wir sind hier in einem KONZERT!) habe ich schon alles erlebt. Bei stillerem Publikum schaut man dann eher auf die kleinen Reaktionen und merkt genau, ob es gefällt oder nicht.
Mit Stimmung eines Konzertes meine ich meine persönliche. Ich spiele besser und konzentrierter, wenn mir jemand zuhört. In einer Konzertsituation könnte ich von der Bühne fallen und würde doch den musikalischen Faden nicht verlieren. Im Studio ist alles entspannter. Also auch sehr anders. Nun haben Georg und ich uns entschieden, die Spannung eines Konzertes der Entspannung eines Studios vorzuziehen. Das nächste mal machen wir es vielleicht ganz anders.
Kommen wir zum Repertoire. Ein Stück das für mich heraussticht ist das "Schlaflied für Dich". Bei amerikanischen Künstlern, die jiddische Lieder interpretieren, kommt es öfter vor, dass neben den jiddischen Strophen auch Strophen in Englisch gesungen werden. Ich denke da besonders an Adrienne Cooper oder Daniel Kahn. Auffallend ist, dass man durch das Gegenüberstellen eines jiddischen Textes mit seiner deutschen oder englischen Übersetzung entdeckt, dass nicht nur Jiddisch eine wunderschöne Sprache ist, sondern auch die eigene Muttersprache.
Im Fall von "Schlaflied für Dich" wurde der Text von Selma Meerbaum-Eisinger, einer 1924 in Czernowitz geborenen Schriftstellerin, ja zuerst in Deutsch verfasst. Wie bist Du, Georg, auf die jiddische Übersetzung gestoßen und wie schwer war es, die Rechte für die Vertonung dieses Gedichtes zu bekommen?
Georg Brinkmann: Von der jiddischen Übersezung hat mir Andrea Pancur erzählt und sie mir dann auch geschickt. Leibu Levin hat einige Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger übersetzt und vertont. Andrea hat mit "a tickle in the heart" seine Fassung von "Schlaflied für Dich" aufgenommen. Die Vertonungsrechte waren sehr einfach zu bekommen - ich habe den Verlag bzw Ruth Levin (Leibu Levins Tochter) angeschrieben und sofort eine positive Antwort erhalten.
Bei den Instrumentalstücken besteht Euer Repertoire überwiegend aus traditionellen Stücken. Warum nicht mehr Eigenkompositionen?
Franka Lampe: In den überlieferten Klezmermelodien gibt es so viel zu entdecken, dass sich mein Bedürfnis, etwas dazu zu schreiben, in Grenzen hält. Zudem klingen Kompositionen von mir nach allem Möglichen, nur nicht nach Klezmer. Ich finde, ein bisschen aus meiner Feder ist schon in Ordnung, aber zu viel davon hätte dem Konzept, eine Klezmer-Platte einzuspielen, widersprochen.
Georg Brinkmann: Tja, bei mir ist es schlicht so, dass zum einen grad keine neuen Stücke da waren und wir auch für ein Programm ausreichend traditionelle hatten. Ich hatte auch das Gefühl, das Programm hat einen guten Bogen, da fehlt mir nichts und wir hatten uns arrangementmäßig in einer Weise ausgetobt, dass die eigene Kreativität genug vertreten war.
Wenn Ihr den Blick in die Zukunft richtet: gibt es Musikerkollegen oder -kolleginnen, mit denen Ihr schon immer mal gerne zusammengearbeitet hättet (nicht nur aus der Klezmerszene)? Oder ein Instrument, dass Ihr außer Eurem Hauptinstrument gerne beherrschen würdet?
Franka Lampe: Ich fand schon immer Di Fidl Kapelye oberklasse. Ich war auch schon musikalischer Gast bei ihnen, muss aber leider sagen, dass es nicht besser klingt, wenn ich mitspiele. Sie sind perfekt, so wie sie sind. Aber mit der Tsimbl-Spielerin, DAS wäre toll. Oder mit einer der Geigerinnen, das wäre auch toll.
Ich glaube, ich würd auch gerne mal mit Emuk Kungl spielen. Er spielt Akkordeon bei FIR und FIALKE und hat einen Sound, der stark an Joshua Horowitz´ Akkordeonspiel erinnert.
Bei Gelegenheit hätt ich gern wieder eine Balkanrockband. Das dazu. Zu einem Zweitinstrument kann ich nur sagen, dass ich in meinem nächsten Leben wieder Akkordeonistin werde. In dem danach auch. Ich kann mir nichts anderes vorstellen (Cello ist aber auch schön).
Georg Brinkmann: Oh Mann, das ist eher schwer einzugrenzen - Klezmermäßig immer wieder Budowitz, Alan Bern, Shura Lipovsky, Abe Elenkrig (wenn's noch ginge), Zev Feldman, die All Star Brass Band. Ansonsten fallen mir ein: Jan Garbarek, Sting, Tom Waits, Charlie Mariano und Tim Fischer. Nicht dass ich denke, da immer mithalten zu können, aber sie sind für mich die besonderen unter den Musikern, die ich am meisten mag; die die eine gewisse Aura haben und einfach inspirieren.
Instrument - Posaune wär cool. Irgendwas im Bass oder besser Saxofon und in der backline einer Soulband stehen.
Diskografie:
nu 3, zu beziehen über die Künstler und deren Webseite
Link: www.nu-klezmer.de
Interview vom Dez. 2008