Midnight Prayer - The Joel Rubin Ensemble
Anfang des Jahres 2007 ist beim amerikanischen Plattenlabel Traditional Crossroads eine neue CD des bekannten Klarinettisten Joel Rubin erschienen. Seit kurzem ist "Midnight Prayer" - so der Name des Albums - auch bei uns erhältlich. Musikalisch gesehen erforscht Rubin auf "Midnight Prayer" wie schon beim Vorgängeralbum "Beregovski's Khasene" weiter jenes Repertoire, dass der Musikethnologe Moshe Beregovski in den 1930er Jahren in der Sowjetunion aufgezeichnet hatte. Diesmal noch mehr im Vordergrund steht dabei die Musik der Chassiden.
Neben Rubin wirken auf dem neuen Album wieder die ungarischen Roma-Musiker rund um den Cimbalom-Virtuosen Kálmán Balogh mit sowie der italienische Akkordeonist Claudio Jacomucci. Mit Pete Rushefsky an der Tsimbl (dem etwas kleinerem jüdischen Hackbrett) holte sich Rubin einen profunden Kenner der älteren, osteuropäischen Aufführungspraxis der Klezmer-Musik an Bord. Rushefsky erforschte mehrere Jahre den Stil des Tsimblspiels und besitzt mittlerweile eine stattliche Sammlung an alten Hackbrettern. Gemeinsam mit dem Geiger Elie Rosenblatt brachte er 2001 ein in der Szene viel beachtetes Album mit dem schlichten Namen "Tsimbl un Fidl" heraus, auf dem das Duo sehr gekonnt und in Anlehnung an die historische Aufführungspraxis klassischer Musik Stücke nachspielt, die man auf heute gut 100 Jahre alten Aufnahmen von Klezmer-Musik findet. Seit letztem Jahr ist Rushefsky auch Leiter des "Centers for Traditional Music and Dance" in New York, welches im Jahre 1979 zu jenen Orten gehörte, an denen das Revival der Klezmer-Musik begann, indem es Konzerte mit dem damals noch lebenden Dave Tarras veranstaltete und auch eine, nun wieder erhältliche LP mit ihm aufnahm (siehe Rezension hier). Tarras war zurecht das, was - dieser Seitenhieb sei erlaubt - Giora Feidman nur von sich selbst behauptet: der King of Klezmer.
Doch zurück zu Joel Rubin und seinen Musikerkollegen. Ebenfalls zu hören ist der aus Russland stammende Geiger David Chernyavsky. Rubin zufolge ist Chernyavsky der erste Geiger, mit dem er zusammenarbeitet, dem das Gefühl für die Feinheiten des Stils in die Wiege gelegt wurde und der diese Gabe auch am Instrument umsetzen könne.
Angesprochen* auf die Tatsache, dass "Midnight Prayer" dem Vorgängeralbum klanglich und was die Auswahl der Mitmusiker angeht sehr ähnlich sei und er somit das erste Mal in der Reihe seiner Veröffentlichungen das Konzept des Vorgängeralbums fortführt, entgegnet Rubin, dass das so nicht stimme und er Stücke aus der Sammlung Beregovskis ja auch schon auf dem Album mit Joshua Horowitz gespielt hatte. Für ihn sei dieses Klezmer-Repertoire jenes mit der größten Tiefe, aus der man schöpfen kann, in welchem Stil immer man es aufführt. Zur Auswahl der Musiker meint Rubin, er hätte besonders mit Jacomucci und Balogh jene Mitstreiter gefunden, mit denen er das Spielen von Klezmer-Musik erkunden könne, ohne dabei auf Grenzen zu stoßen. Dabei bringen die verschiedenen Musiker ihre Erfahrungen mit ein, ohne sich dem Druck ausgesetzt zu sehen, einen Hybrid der Musik mit Stilen von außerhalb, insbesondere der amerikanischen Popularmusik, generieren zu müssen.
Das Konzept des Album stand bereits 1998, aber erst als Rubin vor dreieinhalb Jahren in die USA zurückkehrte, konnte es an die Realisierung gehen. Gemeinsam mit Pete Rushefsky wurden in wöchentlichen Proben die Details ausgearbeitet. Die Anwesenheit von Rushefsky in Budapest, wo das Werk in einem Operntheater aufgenommen wurde, war großartig, so Rubin, da er einen fantastischen Instinkt für die rhythmischen Feinheiten des Repertoires besitze, was dem Ensemble sehr half. Nebenbei spielte Rushefsky auch auf einigen Nummern selbst mit, was dazu führte, dass bei manchen Stücken gleich zwei Hackbrette (das von Rushefsky und jenes von Balogh) zu hören sind.
In den 12 Jahren, seit dem es das Ensemble gibt - so erläutert Joel Rubin - sei es gereift und zu einem freieren, bewußteren und intuitiveren Ansatz gekommen. Deshalb hätte Midnight Prayer auch mehr den Charakter einer Live-Aufnahme. Da die Arrangements großteils improvisiert waren, waren die Einspielungen einzelner Stücke von Take zu Take oft sehr verschieden. Beim Abmischen der Aufnahmen war es oftmals schwer zu entscheiden, welches Solo eines Instrumentes man in den Vordergrund stellt, da so viele interessante Dinge gleichzeitig passierten.
In seinem eigenen Spiel versucht Rubin, seine Liebe für Klezmer-Musik und andere Musik aus Osteuropa, dem Balkan und dem Nahen Osten zu vereinen mit den hohen Standards des Klarinettenspiels seiner Lehrer Kal Opperman und Dick Stoltzman.
Die Tatsache, dass auf diesem Album ein größerer Fokus auf die chassidische Musik gelegt wurde, erklärt Rubin damit, dass er diese Musik nun schon seit 15 Jahren erforscht und er sie musikalisch herausfordernder erlebt als Klezmer-Musik, da sie eine größere Tiefe besitze und sie somit auch für die Zuhörer interessanter sei.
* der Artikel beruht auf der Antwort Joel Rubins auf eine Frage des Autors über die Motive der Entstehung des Albums, gegeben auf der jewish-music-mailing-list am 18.01.07.
Musiker:
Joel Rubin, Klarinette
Kálmán Balogh - Cimbalom
Sándor Budai - Geige
David Chernyavsky - Geige
Claudio Jacomucci - Akkordeon
Ferenc Kovács - Trompete
Csaba Novák - Bass
Pete Rushefsky - Tsimbl
Video:
Ein Video von Joel Rubin und Pete Rushefsky vom Festival KlezKanada im Jahre 2009, in welchem Sie Stücke von Midnight Prayer aufführen, finden Sie in der Audio & Video Rubrik dieser Seite.
Diskografie:
Midnight Prayer - The Joel Rubin Ensemble, erschienen bei Traditional Crossroads
Beregovski's Khasene - Joel Rubin Jewish Music Ensemble, erschienen bei Wergo
Bessarabian Symphony - Rubin & Horowitz, erschienen bei Wergo
Fidl un Tsimbl: Klezmer Music for Hammered Dulcimer and Violin - Pete Rushefsky & Elie Rosenblatt, erschienen im Eigenverlag, erhältlich z.B. über CDBaby oder iTunes
Artikel vom Mai 2007