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Ein Klezmer in vierter Generation: Susan Watts und die Klezmerdynastie Hoffman

Wenn man an die Trompete in Zusammenhang mit Klezmer denkt, kommt man wohl zuerst auf Frank London. Und in Deutschland auf den in Berlin lebenden Amerikaner Paul Brody. Aber spätestens dann muss man auch Susan Watts nennen. Susan ist die 4. Generation der Klezmerdynastie Hoffman, die mit Joseph Hoffman begann, der das Kornett (trompetenähnliches Blechblasinstrument) spielte. Joseph stammte aus einem kleinen Städtchen in der Ukraine mit Namen Kravuzer und wanderte Anfang des 20. Jhdts. nach Philadelphia aus. Er war nicht nur Musiker, sondern auch ein Dichter und Komponist. Sein Einfluss auf die lokale Musikszene von Philadelphia ist unbestreitbar. Dazu muss man wissen, dass Philadelphia neben New York das zweite Mekka der Klezmermusik in Amerika war. Joseph hatte sechs Kinder, darunter vier Knaben, die allesamt Musiker wurden. Um seinen Söhnen eine Starthilfe ins Leben zu geben, schrieb Joseph 1927 ein Notenbuch, voll mit eigenen Kompositionen und traditionellen Klezmer-Melodien. Dazu kamen Stücke wie Hochzeitsmärsche, Walzer und Hatikvah, eben all das, was auf einer jüdischen Hochzeit in Philadelphia zu dieser Zeit von den Musikern verlangt wurde zu spielen. Ähnliche Notensammlungen erschienen bereits 1916 von Wolf Kostakowsky oder 1924 von Jack und Joseph Kammen, aber das Notenheft von Joseph Hoffman wurde nicht veröffentlicht, sondern war nur für seine Söhne bestimmt.

Ein Sohn Josephs hieß Jacob und wurde Berufsmusiker am Xylophon. Er spielte in der Klezmerkapelle von Harry Kandel, aber auch in mehreren Orchestern, darunter dem Philadelphia Orchestra. Neben dem Xylophon spielte er auch Percussion und Klavier, unter anderem untermalte er als Pianist Stummfilme. Wie Susan Watts berichtet, waren alle in ihrer Familie ein bißchen "meshugge". Das sei zwar wahrscheinlich die Voraussetzung, um kreativ zu sein und schöne Musik zu schreiben, aber es führte auch dazu, dass Jacob in einem Anfall alle seine Plattenaufnahmen vernichtete, auf denen er zu hören war, und zwar unwiederbringlich.

Um die Geschichte der Dynastie fortzusetzen, kommen wir nun zu Elaine Hoffman-Watts, der dritten Generation der Klezmerdynastie Hoffman. Elaine war die zweite Tochter von Jacob Hoffman und wurde ebenso wie der Vater eine Percussionistin bzw. Schlagzeugerin. Bereits im Alter von fünf Jahren brachte ihr ihr Vater Jacob das Trommeln bei und unterstützte sie fortan in ihrem Wunsch, professionell Schlagzeug zu spielen. Dies war in den 1950er Jahren alles andere als einfach. Ja es war geradezu undenkbar, sich eine Frau am Schlagzeug vorzustellen. Aber Elaine machte ihren Weg. Um ihr die Ausbildung an einer Uni im Süden der USA zu ermöglichen, ging die Mutter Elaines mit ihr mit und wohnte am Studienort der Tochter. Der Vater Jacob fragte seinen Bruder, ob sie nicht in dessen Klezmerband am Schlagzeug spielen dürfe, aber der Bruder musste die Bitte zurückweisen, weil er sonst keine Aufträge für Hochzeiten mehr bekommen würde. So spielte Elaine Klezmer vor allem bei Familienfeiern und in der Band ihres Vaters, denn dieser besaß die nötige Autorität, um seine Tochter am Schlagzeug durchzusetzen. Ein gemeinsamer Auftritt aus dem Jahre 1968 der beiden ist auch auf der CD "I Remember Klezmer - The Art of Klezmer Drumming" zu hören.

Auf dieser CD, die 2003 erschienen ist, kann man Elaine zusammen mit ihrer Tochter Susan erleben. Die Tatsache, dass diese CD zustande kam und man die Künste Elaines wieder hören kann, ist dem Klezmer-Revival und vor allem dem Mastermind der Klezmer Conservatory Band, Hankus Netsky, zu verdanken. Netsky "entdeckte" Elaine Mitte der 1990er Jahre und verhalf ihr zu Anerkennung mit der Möglichkeit, bei den einschlägigen Zusammenkünften der Klezmerszene wie dem KlezKamp in New York oder KlezKanada in Quebec ihr Wissen in Workshops weiterzugeben. Seitdem ist Elaine als Gastmusikerin auf mehreren CDs bekannter Klezmorim wie Alicia Svigals (der früheren Geigerin der Klezmatics) dabei. So setzt auch der kanadische Musiker Socalled (alias Josh Dolgin) in seiner Musik Drum-Samples ein, die Elaine Hofmann-Watts vorher für ihn eingespielt hat. Haben Sie sich schon jemals gefragt, warum die Musik von Socalled und David Krakauer so groovt? Jetzt haben Sie die Antwort.

Zuerst gehört habe ich Elaine Hoffman-Watts, als sie im Jahre 2001 zusammen mit ihrer Tochter Susan bei KlezKanada aufgespielt hat. Drittes Mitglied im Bunde war die Posaunistin Rachel Lemisch, die ebenfalls aus einer bekannten Klezmerdynastie stammt, deren Wurzeln in Osteuropa liegen und die dann nach Philadelphia ausgewandert ist. Zusammen nannten sie sich KlezMs und in dieser Besetzung sind sie auch auf der CD zu hören. Dazu kommen Gastmusiker wie David Licht (Schlagzeuger der Klezmatics) und Aaron Alexander (Schlagzeuger bei den Klezmer Brass Allstars) und natürlich Frank London.

Susan ist wie schon erwähnt die vierte Generation der Dynastie Hoffman. Sie spielt Trompete, singt und weist bereits eine eindrucksvolle Liste an Kollaborationen mit Musikern der amerikanischen Klezmerszene auf. So ist sie Mitglied und zu hören auf allen drei Alben von Frank London's Klezmer Brass Allstars. Weiters ist sie das neueste Mitglied der herausragenden, nur aus Frauen bestehenden Klezmerband Mikveh. Bereits beim ersten Album von Mikveh sind zwei Nummern zu hören, die Joseph Hoffman geschrieben hat, so ist ihr Einstieg in die Band nicht verwunderlich. Schon länger gibt es eine Zusammenarbeit von Susan Watts mit DJ Socalled (auf dem Bild sind sie gemeinsam bei einem Auftritt in Paris im Juli 2006 zu sehen). Zuletzt ist sie auch auf der soeben erschienenen CD des kürzlich verstorbenen Klarinettisten German Goldenshteyn mit ihrem unverwechselbaren Trompetenspiel zu hören.

Als Solistin genießen kann man sie aber am besten auf der schon erwähnten CD zusammen mit ihrer Mutter Elaine. Darauf zu hören sind auch zwei Stücke, die Jacob Hoffman komponierte und seinen Töchtern Elaine und Leanore gewidmet hat und die Susan nun auf ihren Workshops an andere Klezmerbegeisterte weitergibt, darunter viele Kinder, wie zuletzt bei einem Workshop in Paris im Juli 2006. Bei besagtem Workshop hielt sie auch einen Vortrag über ihre Familie. Aufgrund dieses Vortrages entstand die Idee zu diesem Artikel.

Aktualisierung des Artikel Mai 2011:

2007 erhielt Elaine Hoffman-Watts den angesehenen National Heritage Fellowship Preis für ihr Lebenswerk von der amerikanischen Organisation National Endowment for the Arts.

2009 wurde eine weitere CD veröffentlicht, auf welcher Elaine und Susan Hoffman-Watts wiederum vorwiegend Stücke von Elaines Großvater Jacob Hoffman interpretieren. Als Besonderheit ist Elaine Hoffman-Watts bei einer Nummer auch auf dem Xylophon zu hören.


Diskografie:

Elaine Hoffman-Watts: I Remember Klezmer - The Art of Klezmer Drumming, erschienen 2003 im Eigenlabel (zu beziehen über www.cdbaby.com)

Elaine Hoffman-Watts: A Living Tradition, erschienen 2009 bei Living Tradition, (zu beziehen über www.cdbaby.com)

Links:

www.susanwattsonline.com
www.myspace.com/susanhoffmanwatts
www.npr.org