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Frelik, Sher un Khusidl

 
Die Geschichte der Klezmer-Musik in der ehemaligen Sowjetunion ist noch wenig erforscht. Erst seit der Wende im Jahre 1991 ist es Musikethnologen möglich, durch Zugang zu Archiven und mittels Feldforschung die Entwicklung dieser Musik im 20. Jhdt. zu untersuchen. Die ukrainische Musikethnologin Rayisa Gusak und Ihr moldawischer Kollege Isaak Loberan haben sich in den Jahren 1991 und 2001-2004 auf die Spuren des bekanntesten sowjetischen Erforschers der Klezmer-Musik, Mojshe Beregovski, gemacht und in Podolien (einer Region in der Ukraine) Blaskapellen gefunden, deren Repertoire unter anderem aus Klezmer-Musik besteht. Die Feldforschungsaufnahmen, die auf diesen Reisen entstanden, wurden soeben auf einer CD veröffentlicht.
 
Gleich das erste Stück zeigt die Interaktion zwischen jüdischen und ukrainischen Musikern. Die Kapelle einer Autofabrik (!) in Mogilev-Podolsk spielt den Oktober-Marsch, ein Stück das traditionellerweise zu den proletarischen Feiertagen, wie dem Tag zum Gedenken an die Revolution am 7. November oder dem Tag der Roten Armee am 23. Februar, aufgeführt wurde. Im ersten Teil des Stückes findet man Teile der Melodie des Klezmerstückes "Lebedik un Freylekh". Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Leiter vieler Blaskapellen Klezmer waren und die Spielweise und die Melodien der Klezmorim an ihre ukrainischen Musiker weitergaben. So wurden auch auf ukrainischen oder moldawischen Hochzeiten Klezmerstücke gespielt, da die Schönheit der Melodien den Geschmack des Publikums traf. 
 
Die typische Besetzung einer Kapelle besteht aus mehreren Blechblasinstrumenten (wie Trompete, Horn, Posaune, Tuba), einem Bayan (russisches Knopfakkordeon) und einer großen Trommel mit Cymbal (Baraban genannt). Instrumente wie Klavier oder Violine wurden nach der Revolution abgelehnt, weil sie als Instrumente des Bürgertums und der Aristokratie galten und nicht "proletarisch" genug waren.
 
Neben Aufnahmen von mehreren Blaskapellen finden sich auch noch andere interessante Aufnahmen auf der CD. Beispielsweise einige unbekannte jiddische Soldaten- und Trinklieder, dargebracht u.a. von einer 83jährigen Jüdin, oder einige Solo-Stücke auf der Violine, gespielt von einem 80jährigen Geiger.
 
Dies ist eine sehr gelungene CD, die beweist, dass in der Sowjetunion und in den Nachfolgestaaten Klezmer-Musik und jiddische Lieder durchaus gespielt wurden und werden, wenn auch meist im Verborgenen.
 
Diskografie:
 
Frelik, Sher un Khusidl ... - Brass Bands from Podolia, Klezmer and other Jewish Music, Field Recordings from the Phonogrammarchiv of the Austrian Academy of Sciences, Vol. 1;  erschienen bei Extraplatte, EX-PHA001
 
 
Artikel vom Jän. 2007