Trumpets for Di Fidl-Kapelye
Welche zeitgemäße Interpretation von Klezmer kann es 2007 geben? Die Beantwortung dieser Frage ist relevant, weil die Feststellung "Di Fidl-Kapelye spielt Klezmer" fast 30 Jahre nach Beginn des Klezmer-Revivals nicht mehr ausreichend ist, um den Musikstil einer Gruppe zu beschreiben. Die Bandbreite der Musik, die heutzutage als Klezmer auftritt, ist zu groß geworden. Einen Hinweis auf den Stil der Fidl-Kapelye findet man in der Zusammensetzung der Instrumente, die von ihren Mitgliedern gespielt werden. Ähnlich einem Streichquartett gibt es zwei Violinen, ein Cello und einen Kontrabaß. Ergänzt wird diese Instrumentierung noch von einer Tsimbl (dem jüdischen Hackbrett). Gruppen mit dieser Besetzung waren in Osteuropa während des 19. Jahrhunderts in der Klezmer-Musik üblich. Bevor die Klarinette aufgrund der Lautstärke und der damit einhergehenden Durchsetzungskraft das Klezmerinstrument schlechthin wurde, waren die Violine und die Tsimbl die dominierenden Instrumente. Dies lässt auf einen traditionellen Stil des niederländischen Ensembles schließen und dieser Eindruck wird beim Hören auch bestätigt, wenn, ja wenn da nicht jene neuen Klangfarben wären, die die traditionelle Musik bereichern und frisch klingen lassen. Schon auf ihrem Debutalbum "Live in Amsterdam" wurde klar, dass es den Musikern aus Amsterdam nicht darum geht, ein weiteres Originalklang-Ensemble im Stil von Khevrisa zu bilden, obwohl deren Einfluss durchaus hörbar war. Mit dem fallweisen Einsatz einer Oud ging man weg vom traditionellen Klangbild und entwickelte eine eigene, charakteristische Spielweise. Auf dem neuen Album setzte man diesen Weg weiter fort ohne aber irgendwelche Zugeständnisse an die Herkunft dieser Musik zu machen. Es gelingt den Musikerinnen (Bassist Gregor Schaefer hatte die Band verlassen und wurde ersetzt durch Jet Stevens, sodass Di Fidl-Kapelye nun ein reines Frauenensemble ist) ausgesprochen gut in ihren Arrangements, eine ausgewogene Mischung aus alten und neuen Elementen in ihrer Musik zu kreieren.
Der Titel des Albums (Trumpets for Di Fidl-Kapelye) weist schon darauf hin, dass sich auch Trompetenklänge auf dem neuen Werk finden. Doch entgegen der Erwartung ist die Trompete von Gastmusiker Gijs Levelt (Amsterdam Klezmer Band) nur in zwei Nummern zu hören. Der Grund dafür liegt in dem Konzept des Albums. Gut die Hälfte der Stücke sind neue Kompositionen, die von Trompetenspielern der Klezmer-Szene (neben Levelt auch noch Susan Watts und Frank London) für Di Fidl-Kapelye geschrieben wurden. Dazu kommt noch jeweils ein Stück von den Klarinettisten Yankl Falk (Di Naye Kapelye) und Eve Mozingo (Chicago Klezmer Ensemble). Diese neuen Stücke klingen teilweise traditionell, teilweise aber auch nach Tango und anderer Weltmusik. Gelungen sind sie in jedem Fall.
Das Werk erweckt den Eindruck, dass die einzelnen Stücke sehr durchdacht wurden, bevor man ins Studio ging, um sie aufzunehmen. Es gibt kein Stück, dass man als Füllmaterial bezeichnen könnte. Die Auswahl auch an traditionellen Stücken ist gelungen, sehr gut gefallen mir hier die kleinen Melodievariationen bei einzelnen Stücken, die viel musikalisches Gespür zeigen.
Die Beantwortung der Eingangsfrage fällt leicht. Wenn es eine zeitgemäße Interpretation der Fidl-Kapellen aus dem 19. Jahrhundert im Jahre 2007 gibt, dann ist es die der Fidl-Kapelye aus Amsterdam. Mazltov!
Diskografie:
Trumpets for Di Fidl-Kapelye, Di Fidl-Kapelye, Fréia-Records (zu beziehen direkt über die Homepage der Gruppe)
Artikel vom Feb. 2007