Dave Tarras hatte im Laufe seiner langen Karriere eine Vielzahl an Platten aufgenommen. Sein letztes Studioalbum aus dem Jahre 1978, der Geburtsstunde des sogenannten Klezmer-Revivals, wurde jetzt wieder neu herausgegeben, erstmals auf CD. Dieses Tondokument lässt die Geschichte der Klezmer-Musik im 20. Jahrhundert wie unter einem Brennglass erscheinen. Wie Walter Zev Feldman in seinem informativen Begleittext zur CD schreibt, war Klezmer-Musik niemals ein Monolith. Die Musik der osteuropäischen Juden war immer geprägt von der Umgebung, in der sie lebten. Dave Tarras wurde als Dovid Tarrasiuk 1897 im Shtetl Ternovka in der Ukraine in eine Familie von Klezmorim geboren. Als Kind lernte er mehrere Musikinstrumente, ehe er die Klarinette als sein Hauptinstrument erkor. Durch Pogrome ukrainischer Nationalisten zur Flucht gezwungen, emigrierte Tarras nach einem kurzen Zwischenhalt in Rumänien 1921 nach New York. Bald nach seiner Ankunft nahm er seine Tätigkeit als Klezmer-Musiker wieder auf und machte aufgrund seiner Musikalität, seiner Technik und seines Geschäftssinns eine überaus erfolgreiche Karriere und entwickelte sich zum wohl einflussreichsten Klezmer-Musiker in den USA im 20. Jahrhundert.
Die Entwicklung der Klezmer-Musik in den USA war geprägt durch die Lebensverhältnisse der osteuropäischen jüdischen Migranten in der neuen Welt. Schon bei Tarras Ankunft galt die Musik aus dem osteuropäischen Schtetl als veraltet. Durch den neuen Lebensrhythmus, vorgegeben durch die Arbeit in Fabriken, wurde die Dauer der Hochzeit verkürzt von einer Woche auf einen Tag. Traditionelle Elemente wie das Setzen der Braut, das Heimbegleiten der Gäste auf der Straße oder das Engagieren von Zeremonienmeistern (Badkhen) wurden aufgegeben. Tarras stellte sich auf die Bedingungen ein und spielte die vom (Hochzeits-)Publikum gewünschten Tänze wie Bulgars und Shers. Er komponierte neue Stücke und setzte auch hier Akzente, in dem er die Sehnsucht seiner Zuhörerschaft nach rumänisch bzw. bessarabisch klingenden Stücken wahrnahm und erfüllte.
Der Grund für die Aufnahme seiner letzten LP war das Bestreben von Zev Feldman und seines Partners Andy Statman, die rituelle Musik einer jüdischen Hochzeit zu rekreieren, wie sie in Osteuropa gespielt wurde, als Tarras noch ein Kind bzw. Jugendlicher war. Tarras konnte den Wunsch seiner Schüler nur teilweise nachkommen. Einerseits hatte er zum Zeitpunkt der Aufnahme viele der Stücke schon mehr als 10 Jahre nicht mehr gespielt, andererseits hatte er auch nicht mehr die Technik, denn immerhin war er schon über 80 Jahre alt. Und doch zeugen die eingespielten Aufnahmen von Tarras' Hingabe für die Musik, die er sein ganzes Leben lang spielte und für welche er stand.
Es wäre überflüssig, die einzelnen Stücke noch genauer vorzustellen. Zev Feldman erklärt sehr ausführlich zu jedem Stück den Hintergrund im Booklet der CD. Begleitet wird Dave Tarras auf der CD übrigens von seinen langjährigen Partnern Samuel Beckerman am Akkordeon und Irving Graetz am Schlagzeug. Wer mehr wissen möchte über das Verhältnis der Musiker untereinander kann
hier nachlesen.
Weitere historische Aufnahmen von Dave Tarras sind erschienen auf dem Global Village Label sowie bei Banner Records.
Diskographie:
Dave Tarras - Music for the Traditional Jewish Wedding, erschienen unter der Center for Traditional Music and Dance Ethnic Heritage Recording Series und zu beziehen über die
Webseite des Centers
Artikel vom Sept. 2008